Wabenzellen und Wabenbau



Die Bienenwabe ist das Ideal der Statiker. Wo es, wie im Flugzeugbau, um geringstes Gewicht bei größter Festigkeit geht, da ist das Bauprinzip der Bienen unübertroffen. Die Sparsamkeit im Material kommt vom Sechseck, die Festigkeit vom Ineinanderschachteln nicht nur der sechseckigen Wände, sondern auch der vertieften Zellenböden. Damit der Honig, der noch nicht veredelt ist, vor dem Auslaufen bewahrt bleibt, steigen die Zellen zu beiden Seiten der Mittelwand leicht an. Die Normalzelle, die Arbeiterinnenbrut, Pollen oder Honig aufnimmt, hat einen Durchmesser von 5,37 Millimeter bei einer Winkelsumme von 720 Grad.

Alle bisherigen Versuche, für die Bauweise der Bienen eine mechanische Erklärung zu finden, können nicht befriedigen. Da man den Bienen keine hohe Intelligenz und keine ausgeklügelten mathematischen Kenntnisse zuschreiben kann, muß man ihre Kunst einfach als unbegreifliches Wunder der Schöpfung hinnehmen wie so vieles andere, was man mit dem Wort "Instinkt" bezeichnet, ohne es zu begreifen. Die mathematische Genauigkeit, die selbst der Astronom Kepler an der Wabenzelle rühmte, wird freilich überschätzt: Pfusch im Hausbau ist auch bei Bienen verbreitet, erst recht beim Drohnenbau, da die Drohnenzelle geringfügig größer ist. Beim Bau der ganz aus dem Rahmen fallenden eichelförmigen Weiselzelle versagt sie ganz. Es gibt eben Dinge in der Natur, die der Menschengeist bewundern, aber nicht erklären kann. Man sagt, daß die Biene dieselben Düfte wie der Mensch (und diese auch nicht sehr viel besser) wahrnehme, daß sie aber plastisch riechen könne: Sie nimmt im dunklen Stock mit den Riechorganen, die von der Atmungsfunktion des Hinterleibes befreit sind und an den Fühlerenden sitzen, die perspektivische Form eines Gegenstandes wahr. Für die Biene, sagt Karl von Frisch, sei der "sechseckige Wachsgeruch" vom "kugeligen Wachsgeruch" ebenso verschieden, wie für uns der Anblick einer Wachswabe und einer Wachskugel. Beschädigt man Bienen die Fühler, wird die Regelmäßigkeit des Bauens gestört.

Daß die Bienen sechseckig bauen statt rund, hat nicht nur den Grund der Festigkeit und der Materialersparnis. Wo runde Zellen wie Ölfässer aneinanderstoßen, entstehen schwer zugängliche, unbelüftete Hohlräume: Die Bienen kriegten am Ende die Motten.

Das Lot, mit dem der Maurer die Senkrechte fällt, hat jede Biene im Kopf, und das ziemlich wörtlich. Ihr Kopf ist marionettenhaft beweglich und mit der Brust nur verzapft. Sein Schwerpunkt liegt abwärts dem Mund zu, unterhalb der Verzapfung, was zur Folge hat, daß der Kopf sich bei jeder Raumlage des Bienenkörpers auf die Schwerkraft einspielen kann. Er übt dabei Druck aus auf einen Kranz von Sinnesborsten an den beiden Chitinzapfen, die als Hals den Kopf halten. Druck auf die brustseitigen Borsten signalisiert der Biene im dunklen Stock, daß ihr die Schwerkraft das Kinn nach unten zog, ihre Körperachse also senkrecht nach oben zeigt. Druck des Hinterkopfes auf die Nackenborsten dagegen sagt ihr, daß sie auf der Wabe kopfunter steht: Die Schwerkraft zog das gewichtige Kinn bodenwärts, hebelte also nach Art einer Waage den Nacken aufwärts gegen die dort sitzenden Sinnesborsten.

Dabei zeigt die Wabe eine erstaunliche Festigkeit. Das so zart erscheinende Wachsgebilde faßt aus 3 qdm ein Kilogramm Honig. Die oberen Zellen einer Normalmaßwabe mit 7 qdm Fläche hat also ein Gewicht von über 2 Kilogramm zu tragen. Es gibt aber, in der Natur wie in der praktischen Imkerei, Waben, die wesentlich höher sind und mehr Honig fassen. Man hat berechnet, daß die oberen Heftzellen eine Last von mehr als dem 1300fachen ihres eigenen Gewichts tragen.

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