Keuscheitsgürtel für Hummeln



Eigentlich ist "Hochzeitsflug" kein passendes Wort für die Lebensphase einer Bienenkönigin vor der Gründung ihres eigenen Staats: Mit mehr als 20 Männchen paart sich die Durchschnitts-Prinzessin. Diese weniger bekannte Variante des sprichwörtlichen Bienenfleißes kostet nicht nur Zeit und Energie, sondern viele Bienen auch das Leben, weil sie auf der Suche nach weiteren Begattungspartnern etwa von Vögeln gefressen werden. Warum gehen sie dieses Risiko ein, obwohl der Samen eines einzigen Männchens zur Gründung eines Staats völlig ausreichen würde?

Dieser Frage sind die Zoologen Boris Baer und Paul Schmid-Hempel von der ETH Zürich nachgegangen. Und sie haben herausgefunden, warum sich der Partnerwechsel für die Bienen lohnen kann. Greift eine Königin bei der Befruchtung ihrer Eier nämlich auf Samen verschiedener Männchen zurück, sind die aus den Eiern heranwachsenden Arbeiterinnen nur Halbschwestern. Dieser größere genetische Unterschied erschwert offenbar Parasiten und Krankheiten die Ausbreitung.

Baer und Schmid-Hempel untersuchten diesen Effekt an Hummelkolonien, deren Königinnen sie im Labor künstlich befruchteten. Zwölf Hummel-Weibchen erhielten den Samen eines Männchens, sieben weitere ein Samengemisch von vier Männchen. Die Samenvielfalt schlug sich im Gesundheitszustand der Staaten nieder, die von den Hummel-Weibchen anschließend gegründet wurden: In den genetisch gemischten Völkern war die Belastung durch Parasiten und Krankheiten um 30 bis 50 Prozent geringer. Eine Folge der besseren "Volksgesundheit" war, daß genetisch vielfältigere Staaten deutlich mehr junge Königinnen und Männchen aufziehen konnten. Die Verluste, die der riskante Hochzeitsflug mit sich bringt, würden demnach durch den Gewinn an fortpflanzungsfähigen Nachkommen kompensiert.

Zumindest unter Hummeln scheinen die Männchen den evolutionären Vorteil der weiblichen Promiskuität allerdings vollkommen anders zu "beurteilen". Für sie wäre es besser, der erste und einzige Partner zu bleiben, weil jede weitere Begattung die eigenen Fortpflanzungschancen massiv verschlechtern würde. Ließe sich das Hummel-Weibchen ein zweites Mal begatten, würde das die Zahl der Nachkommen halbieren, die mit dem Samen des ersten Männchens gezeugt werden.

Tatsächlich gelingt es in der freien Natur offenbar - anders als bei den Bienen - nur wenigen Hummel-Weibchen, sich mit mehr als einem Männchen zu paaren. Auch dies fanden die Züricher Forscher heraus: Männliche Hummeln versuchen nach der Begattung, den Geschlechtstrakt des Hummel-Weibchens durch eine klebrige Flüssigkeit zu verschließen - was etwa die Wirkung eines Keuschheitsgürtels hat. Wer seinen Kindern bislang am Beispiel von Bienen oder Hummeln die Grundprinzipien der Fortpflanzung erklärt hat, muß sich nun wohl eine andere Tierart suchen, falls er auf solche Details nicht näher eingehen will.



[Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger]

Bericht vom 29.01.1999

http://www.ksta.de

©1996-2000 Kölner Stadt-Anzeiger